Anti-Giftköder-Training

"Gutes Fressen, böses Fressen. Anti-Giftköder-Training" ("Mensch und Hund" 09/2015)

Viele Hundehalter haben beim Gassigehen einen zusätzlichen ständigen Begleiter: die Angst. Kann ich meinen Hund noch guten Gewissens von der Leine lassen? Gab es in unserem Stadtgebiet nicht gerade erst wieder Giftköder-Meldungen? Die meisten dieser Köder sind mit tödlichen Substanzen oder scharfkantigen Objekten präpariert und so ausgelegt, dass zwar der Hund sie leicht findet, nicht aber sein Halter. Was kann man tun? Hunde an die Leine zu nehmen, wäre eine Maßnahme. Aber mal ehrlich: Wer mag schon seinem lauffreudigen Freund das Toben und Rennen gänzlich verbieten? Außerdem kann ein Hund trotz Leine an einen Giftköder geraten. Da hilft nur eins: Umerziehen. Ein Anti-Giftköder-Training prägt Ihren Hund darauf, Gifte zu erschnuppern, den Geruch mit etwas Negativem zu verbinden, in der Folge einen Bogen um einen solchen Geruch zu machen und genau dafür belohnt zu werden. Es wird also ein Alternativverhalten erlernt, das darauf abzielt, dass der Hund nichts mehr vom Boden nimmt, ohne seinen Halter um „Erlaubnis“ zu fragen, – und damit letztlich auch geruchlose, mit Rasierklingen oder Nägeln versetzte Köder verschmäht. Wir haben uns von Hundetrainer Enrico Lombardi vom DogCoach Institut in Berlin zeigen lassen, wie man seinen Hund entsprechend konditioniert.

 Und so geht’s in fünf Schritten: 

  1. Aufbau: Stecken Sie ein verschlossenes Röhrchen mit Rattengift oder Schneckenkorn in ein Loch in der Mitte einer Plastikdose. Seitlich an der Dose ist ein fernsteuerbares Gerät angebracht, das auf Knopfdruck ein lautes Zischen von sich gibt. Legen Sie zuletzt verschiedene Leckereien für den Hund auf den Deckel.
  2. Erstes Training: Die präparierte Dose stellen Sie in einen Raum ohne äußere Reize auf den Boden. Führen Sie den Hund auf die Dose zu. Interessiert er sich für die Leckereien, drücken Sie fix auf die Fernbedienung, sodass das Gerät an der Dose sein unangenehmes Zischen hören lässt. Dadurch wird ein Negativreiz ausgelöst, den der Hund nicht mit Ihnen, sondern mit dem vermeintlichen Leckerbissen verbindet. Er verknüpft also eine Gefahr mit dem verlockenden, nach Gift riechenden Happen und lernt, dem Geruch besser nicht zu nahe zu kommen. Oft sucht er dann Schutz beim Halter, der den Hund jetzt belohnen sollte, damit dieser lernt, dass es positiv ist, einen Bogen um das gefährliche Futter zu machen. 
  3. Intensivtraining: Es wird etwas schwieriger, wenn man die Dosen nun in Tüten versteckt und sowohl Futter als auch Giftröhrchen aus dem Sichtfeld verbannt. Nähert er sich der vergifteten Tüte, so drücken Sie auf die Fernbedienung. Das Geräusch wird den Hund weiterhin erschrecken. Vergessen Sie das Loben nicht, sobald er sich abwendet! Später verschwindet die Dose als Hilfsmittel ganz und der Hund muss sich allein auf seinen Geruchssinn verlassen.
  4. Es geht nach draußen: Klappt die Übung im Haus, so wird im Freien, quasi unter realen Bedingungen, weitertrainiert. Das Futter wird zunächst noch auf der Plastikdose drapiert. Später legt man es unter einen Busch oder ins Gras – auch ohne Dose, Tüte und Zisch-Gerät. Falls es noch notwendig sein sollte, dem Hund den erlernten Negativreiz zu bieten, kommt jetzt eine laut zischende Dose ins Spiel. Wichtig ist, dass Sie den Hund diese Dose nicht sehen lassen und er sie nicht mit Ihnen in Verbindung bringen kann. Ihr Vierbeiner lernt im vierten Schritt, dass es auch draußen „böses“, nach Gift riechendes Futter gibt, und wird künftig Giftköder nicht nur erkennen, sondern auch meiden. 
  5. Nebeneffekt: Wenn Sie daheim intensiv mit Ihrem Hund weiterüben, wird er früher oder später gar nichts mehr von der Erde aufnehmen, ohne sich bei Ihnen eine Art Erlaubnis zu holen. „Trainieren Sie mit Zischgeräusch und Leckerchen, die Sie zu Hause auf dem Boden auslegen. Ihr Hund wird verinnerlichen, dass der Mensch weiß, was gut ist. Somit werden Hunde dann auch andere Köder, in denen beispielsweise Rasierklingen versteckt sind, liegen lassen“, weiß Enrico.

Alternativverhalten erlernen 

Zum Ende eines Seminars sind die Hunde in der Regel so weit, dass der Hund in reizarmer Umgebung den Giftgeruch meidet. Wichtig bleibt weiterhin, draußen sofort und konsequent zu agieren, wenn Ihr Hund etwas erschnüffelt. Rufen Sie ihn zu sich und geben Sie ihm ein Leckerchen. Vergessen Sie nicht die Sprühdose für den Zischlaut als akustisches Signal. „In der Regel benötigen nur noch circa zehn 10 bis 20 Prozent diese Hilfsmittel auch später noch“, sagt Enrico. „Extrem wichtig ist das richtige Timing. Sie als Halter müssen sehr aufmerksam und schnell sein, damit der Hund die richtigen Verknüpfungen erlernt. Lernen definiert sich immer dadurch, dass der Lernende sein Verhalten optimiert, wenn im Ergebnis etwas Vorteilhaftes herauskommt, beziehungsweise dass er etwas an seinem Verhalten ändert, wenn etwas Negatives passiert. Auf diesem Prinzip basiert die komplette Erziehung“, so Enrico. Wenn man seinem Hund das Futter immer in Verbindung mit einem Piepton gibt, so verbindet er mit diesem Geräusch eine positive Erwartungshaltung. Handelt es sich jedoch um Futter, das der Hund nicht anrühren soll, kann man darauf mit einem Zischen hinweisen. Dieses ungewohnte Geräusch weckt in dem Tier eine negative Emotion, woraufhin es sein Vorhaben abbricht. Wenn dies dann vom Halter sofort bestätigt wird, merkt der Hund schnell: Hier ist etwas Negatives, ich wende mich ab und dafür bekomme ich etwas Positives. Ein erfolgreich erlerntes Alternativverhalten ist sowohl für die Hunde als auch für die Halter eine echte Erleichterung: Der Vierbeiner vermag künftig nicht nur, sich an den Halter zu wenden, sondern auch, diesen für sich entscheiden zu lassen. Gefahrenquellen werden somit minimiert.

So früh wie möglich

Der Anerziehung von Alternativhandlungen sollte man sich optimalerweise bereits vom ersten Tag an widmen, weiß Enrico. „Wenn man gleich die Beziehungsarbeit zwischen sich und dem Hund in Angriff nimmt und ihm eine Leckerchenalternative anbietet, wird er Futter am Boden liegen lassen und immer als Tauschobjekt sehen. Danach kann man anfangen, Nahrungsmittel für den Spaziergang zu hinterlegen. Somit werden Fehler provoziert, die man korrigieren kann, indem man einen Negativreiz setzt, sobald der Hund an das Futter heran will.“ Ein Negativreiz sollte jedoch niemals direkt vom Halter ausgehen, sondern immer von einem Gegenstand, der zischt, klingelt oder andere Töne von sich gibt, die beim Hund ein Vermeideverhalten auslösen. Dieses muss vom Halter dann konsequent belohnt werden. „So lernen Welpen relativ schnell, dass sie Dinge auf der Straße liegen lassen sollen“, sagt Enrico. 

„Risiko“-Gruppen

Manchmal frisst ein Hund ein auf der Erde liegendes Leckerchen gar nicht wegen der geschmacklichen Verlockung, sondern weil ihm etwas fehlt. Das ist ähnlich wie bei uns Menschen: „Wenn uns unser Körper sagt, ‚du hast Vitaminmangel‘, dann haben wir Appetit auf einen Apfel, gehen in die Küche und holen uns einen. Das kann ein Hund natürlich nicht. Deswegen muss man in solchen Fällen kontrollieren, ob die Nahrung, die der Hund erhält, tatsächlich seine Bedürfnisse abdeckt“, rät Enrico. „Das Futter sollte nicht nur auf die Rasse und das Alter abgestimmt sein. Zu berücksichtigen sind vor allem die Aktivität des Hundes und die Inhaltsstoffe des Futtermittels. Leider achten in Deutschland viel zu viele Menschen mehr auf die Marke als auf den Inhalt.“ Zudem gebe es Rassen, die besonders „verfressen“ sind. Dazu zählen vor allem Labradore und Schäferhunde. „Häufig betrifft es auch Hunde, die wirklich einmal Hunger gelitten haben. Sobald sie Futter sehen oder irgendetwas riechen, werden sie nervös und von der Verlockung unwiderstehlich angezogen.“ Bei solchen Hunden oder „verfressenen“ Rassen ist noch intensiveres Training nötig. 

Unser Experte

Enrico Lombardi ist Hundetrainer, Hundegutachter, Sachverständiger, Autor und Inhaber des DogCoach Instituts in Berlin. Seit 1997 befasst er sich professionell mit der Erziehung, der Ausbildung und dem Training von Hunden. Zunächst trainierte er bei der Bundeswehr Rauschgiftspürhunde- und Sprengstoffsuchhunde-Teams. Seine detaillierte Ausbildung wurde mit der Sachkunde gemäß § 11 Absatz 1 Nummer 8f TierSchG zertifiziert. Heute führt Lombardi Einzeltrainings und Problemberatungen durch, hält Seminare für Unternehmen und Behörden oder auch einfach nur für Menschen, die sich sachliche Informationen über den Hund und seine Haltung erhoffen. Darüber hinaus ist er Autor des Buchs „Der perfekte Familienhund“ (BLV Verlag) und Mitglied bei PETA e. V. 

www.dogcoach.de

 

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