Der will doch nur spielen

"Der will doch nur spielen" ("Mensch und Hund" 07/2015)

Ein Hundehalter kann kaum nachvollziehen, dass es Menschen gibt, die Angst vor seinem geliebten Tier haben. Doch die Canophobie, die panische Angst vor Hunden, ist gar nicht so selten. Was, wenn mich Freunde deshalb nicht mehr besuchen möchten oder sich der Nachbar nicht mehr aus dem Haus traut? Hundetrainer Enrico Lombard; aus 8erlin gibt Tipps.

Wir alle können diesen einen Satz nicht mehr hören: "Der will doch nur spielen, der tut nichts!“ Er hängt uns nicht nur zum Halse raus, nein, er bringt auch tatsächlich überhaupt nichts. Er verharmlost zum einen und ist respektlos zum anderen. Und das nicht nur bei Hundehaltern, sondern vor allen Dingen bei Menschen, die vielleicht schlechte Erfahrungen mit Hunden gemacht haben, oder die schlichtweg eine anerzogene, erlernte Panik vor den bellenden Vierbeinern besitzen. Solche Ängste sollten ernst genommen und In keiner Weise abgetan werden - ob wir sie nun verstehen oder nicht

Signale deuten, Respekt zeigen

Es gibt verschiedene Situationen, In denen Hundehalter Menschen mit Hundephobien begegnen können: beim Gassi gehen natürlich, in der Nachbarschaft, im Freundes- und Familienkreis. Ängste können unterschiedlich stark ausgeprägt sein, von einer leichten Angst bis hin zur Phobie.

Eines ist sicher: Diese Menschen treffen auf Hunde, ob sie wollen oder nicht Es liegt also an uns Haltern, Situationen zu erkennen und Konflikten vorzubeugen. Denn leider ist darüber hinaus eines gewiss: "Droht eine Konfrontation mit einem Hund, so machen diese ängstlichen Personen unbewusst alles falsch: Sie werden hektisch, winken, reißen die Hände in die Luft und schreien dem Hundehalter etwas zu, wenn sich ihnen ein Hund nähert - nicht wissend, dass sie dem Hund damit sehr interessante Signale senden. Hektisches Winken könnte doch bedeuten, dass da vorne etwas Spannendes auf den Hund wartet", erläutert Enrico Lombardi. Und natürlich ruft das den Vierbeiner auf den Plan, das einmal näher zu betrachten, denn es könnte Ja in der Tat ein großer Spaß werden. Also nichts wie hin zu dem fuchtelnden Wesen! Als Hundehalter denken Sie sich vielleicht erst einmal nichts dabei, denn "Prinz" ist ein absolut lieber Boxer. Sie rufen Ihren Hund nicht zurück. Bel dem Objekt der Begierde angekommen, schnuppert Prinz erst einmal ausgiebig an dem potenziellen neuen Spiel partner, springt vielleicht an ihm hoch. Ganz normal in der Hundewelt. denn Gerüche liefern schließlich wichtige Informationen…

Bedrohliche Haltung

Für einen Phobiker ist eine derartige Begegnung eines der ultimativen Angsterlebnisse Erst schnuppern, dann beißen - denken sie vielleicht. Prompt nehmen die Betroffenen meist eine Körperhaltung ein, die für Hunde bedrohlich aussieht. "Erst schnuppern, dann beißen" so denken viele Hundephobiker. Sie machen sich steif und groß, reißen die Augen auf und fixieren. All das sind in der Hundesprache Zeichen dafür, dass eine Auseinandersetzung bevorsteht. Viele Vierbeiner reagieren darauf genauso, wie es ihrem Instinkt entspricht: Angriff ist die beste Verteidigung. Zum Glück erkennen die meisten Hundehalter die Zeichen, die von Bello zuvor versendet werden ~ wie etwa ein schleichender Gang, aufgestellte Nackenhaare, angelegte Ohren, Knurren, Zähne zeigen - und können darauf reagieren. Viele Hunde ignorieren die vom Phobiker ausgehenden Signale aber auch und MENSCH & HUND merken. dass keine Gefahr in der Luft liegt. Wichtig Ist: Sehen Sie, dass ein Mensch Angst hat, so rufen Sie Ihren Hund sofort zurück! Und: Bittet ein Spaziergänger Sie schon von Weitem, Ihren Hund anzuleinen, so tun Sie dies. Ohne Wenn und Aber. "Fangen Sie keine Diskussion an, werden Sie nicht altklug und ziehen Sie das Problem auf keinen Fall ins lächerliche. Das kann in einem bösen und vor allen Dingen gänzlich kontraproduktiven Streitgespräch enden. Nicht selten kann durch solche unschönen Situationen beim Betroffenen aus einer Hundeangst auch ein Hundehass entstehen", weiß Lombardi. Und: Glauben Sie nicht, dass Sie einen Fremden alleine und sofort von seiner Angst kurieren können, aber Sie können Ihm In diesem Moment Respekt zeigen und das Leben erleichtern.

Besuch in Panik

Ein jeder kennt folgende Situation: Unangemeldeter Besuch steht vor der Tür. Der Hund findet das super, es klingelt an der Tür, aufgeregt wird gebellt. Die Tür wird geöffnet Bello stürmt freudig nach draußen, der Besuch taumelt nach hinten, das kalkweiße Gesicht panisch verzogen. "Ich wusste gar nicht. dass du einen Hund hast. Beim nächsten Mal kommst du besser zu mir. Ohne Hund. Oder du sperrst ihn weg! Was tun, wenn ein ängstlicher oder gar panischer Mensch nicht mehr zu mir nach Hause kommen mag. da jetzt „Sweebie“, ein stattlicher Labrador-Mix, bei mir eingezogen Ist?“ Da ist Einfühlungsvermögen angesagt. Und Wegsperren gehört sicherlich nicht zu den richtigen Methoden, auch wenn es für den ängstlichen Mitmenschen augenscheinlich die beste Lösung wäre", sagt Enrico Lombardi. Denn Wegsperren schürt beim Hund Stress, der Spannungsbogen wird immens. Wichtig sei es zunächst, herauszufinden, ob überhaupt der Wunsch nach Kontakt mit dem Hund gegeben ist. Gezwungen werden dürfe niemand, so Lombardi weiter, denn das führe nur zu den zuvor beschriebenen falschen Körpersignalen, wie Versteifung, sich groß machen, den Hund fixieren. ...

 Enrico Lombardi rät: konditionieren!

„Das Klingeln muss eine andere Bedeutung bekommen, ähnlich der Clicker-Methode. Der Hund soll eine Alternativbeschäftigung bekommen. sozusagen einen .Joker' – beispielsweise sein Lieblingsspielzeug. Im ersten Schritt soll Klingeln für den Hund nur bedeuten, er bekommt Futter bei Herrchen oder Frauchen. Wenn er das verknüpft und gelernt hat, stürmt er auch nicht mehr zur Tür, sondern zur Futterquelle, also zu Ihnen.

Im zweiten Schritt gehen Sie mit dem Hund zur Tür; Futter und Spielzeug haben Sie dabei Geben Sie dem Hund das“ Leckerli“ wenn Sie die Tür öffnen. 1m dritten Schritt, wenn die Tür geöffnet ist, werfen Sie das Spielzeug in die entgegengesetzte Richtung, also weg von der Tür. . Der Hund belohnt sich dadurch selbst, wird abgelenkt und ist nicht mehr auf den Besucher fixiert 1m Umkehrschluss merkt der Besuch, dass der Hund kein gesteigertes Interesse an ihm hat. Kommt der Gast dann ins Haus. so soll er den Hund einfach ignorieren. • Dadurch öffnet sich der Besucher der Situation und gewöhnt sich an die Anwesenheit des Hundes. Lombardi gibt zu bedenken, dass man den Hund nichtentgegen seiner Natur mit Gehorsam und lauten Befehlen In die Ecke rekrutieren sollte. Bewegt sich der Hund dann nur einen Zentimeter, könnte das beim ängstlichen Besucher auch wieder Pani/? schüren. Das Konditionierungstraining kann dagegen schnell Erfolge zeigen. Lombardi schätzt, dass es in etwa zehn Trainingseinheiten klappen kann. Sie benötigen dafür nur eine ausdauernde Person an der Klingel.

So klappt's auch mit dem Nachbarn

Nachbarschaft - oft ein schwieriges Thema. Vielleicht noch schwieriger, wenn das Objekt der Disharmonie Ihr geliebter Hund ist. Ist er vielleicht des Öfteren schon in Nachbars Garten entwichen und hat ein nettes Loch gebuddelt? Ist Ihr Nachbar in eine von Ihnen unbemerkte Hinterlassenschaft Ihres Hundes getreten? Oder hat er ganz einfach wirklich Angst vor Hunden? Warum auch immer, ein Hund sollte nicht Thema eines Streites sein und eine Unstimmigkeit zum Eskalieren bringen. Ein paar einfache Tricks können Abhilfe leisten.

Enrico Lombardis Tipps:

  • Suggerieren Sie Ihrem Nachbarn, dass Sie den Hund stets unter Kontrolle haben.
  • Seien Sie souverän und ruhig. Lassen Sie sich gar nicht auf ein böses Gespräch ein und nehmen Sie Ihrem Nachbarn mit Freundlichkeit und Höflichkeit den Wind aus den Segeln.
  • Wenn er Sie um einen Gefallen bittet, wie Ihren Hund beim Verlassen des Hauses an die Leine zu nehmen, so erfüllen Sie ihm diesen.
  • Wenn Sie zusammen mit Ihrem Hund auf den Nachbarn treffen, so lenken Sie die Aufmerksamkeit des Hundes auf sich
  • Machen Sie den Hund nicht zum Gesprächsthema sondern plaudern Sie lieber über das Wetter.
  • Ängste behandeln

Wichtig: Möchte man eine Hundephobie behandeln lassen und entschließt man sich zu einer Angst- oder Verhaltenstherapie, so sollte der Betroffene dies ausschließlich...

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